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Südamerika 2022 – Chile

Mittwoch, 30. November 2022 – Von Ollagüe nach San Pedro de Atacama (km 4362)

Heute will ich den Sprung schaffen nach San Pedro de Atacama. Das liegt direkt an der Atacama Wüste. Dafür muß ich erstmal zur 200 km entfernten Provinzhauptstadt Calama fahren. Da ich gestern nach der sehr anstrengenden Fahrt hierher ganz früh todmpde ins Bett gefallen bin, fällt mir das Aufstehen um sechs Uhr bei Sonnenaufgang leicht. Ich nutze die Zeit, meine Motorradklamotten und die Schuhe vom Staub und Sand bestmöglichst zu befreien. Anschließend schaue ich nach dem Moped. Das habe ich vorsichtshalber gestern Abend noch abedeckt wegen der nächtlichen Kälte. Die Yamaha spring auch nach dem ersten Drücker sofort an. Auch die sieht sehr mitgenommen aus und hat dringen ein Bad verdient. Das kann ich ihr jedoch nicht anbieten. Aber ein Eimer mit Seifenwasser befreit auch sie vom größten Schmutz.
Das Frühtstück hier im völlig überteuerten Hostel fällt spärlich aus: Kaffee und Brot mit Butter und Marmelade. Auf der Karte ist eine Tankstelle in Ollagüe eingezeichnet. Aber der Hostelier sagt mir, die gibt es nicht! Und auch keine weitere bis Calami. Das kann ja spannend werden. Denn meine Tankuhr zeigt zwar noch dreiviertel voll an, und der Ersatzkanister hat auch 3,5 Liter, aber ob das reicht bis Calama? Es bleibt nichts anderes übrig, als es zu versuchen.
Gegen acht Uhr komme ich dann auch weg. Die Straße ist top asphaltiert und soll es wohl auch bleiben bis Calama. Da sollten sich die Bolivianer mal ne Scheibe abschneiden. Nicht nur in Bolivien gibt es den Salzsee Salar de Uyuni, nein auch hier im Norden von Chile gibt es einige. Und an dreien von denen führt die Strecke nach Calami vorbei: Salar de Carcote, Salar de Ascotan und die dritte weiß ich nicht mehr. Jedenfalls eine karge, aber doch schön anzusehende, wolkenlose Berglandschaft hier im Norden Chiles. Die erste Hälfte fahre ich weiterhin auf über 3000 Metern Höhe. Für den Abtransport des Salzes und anderer Rohstoffe haben die Chilenen sogar ne Eisenbahn in diese Höhe verlegt. Aosn einem unbeschrankten Bahnübergang hätte ich doch beinahe einen Güterzug übersehen. Der hat aber noch rechtzeitig geupt, sodaß ich anhalten konnte und ein paar Fotos machen konnte.
Die zweite Hälfte der Fahrt führt langsam aber sicher immer weiter bergab auf etwa 2000 Meter Höhe zur Industriestadt Calama. Die XTZ braucht tatsächlich nicht sehr viel Sprit. Denn als ich dort ankomme, steht der Zeiger grade mal auf Reserve. Und der Ersatzkabnister ist noch voll. Aber nicht nur zum Tanken bin ich hierher gekommen. Auch etwas Essbares finde ich in der Mall mitten in der Stadt. Da gibt’s auch ein freies Internet. Und so kann ich noch ein Hostel in San Pedro de Atacam buchen und muß nicht vorort eines suchen.
Die letzten etwa 100 km bis dorthin sind dann auch in anderthalb Stunden abgefahren und auch das Hostel finde ich schnell. Auch diese Strecke ist top asphaltiert und führt die letzten 20 km in die Hochebene der Atacama Wüste. An deren Nordseite befindet sich das Travellor-Mekka San Pedro de Atacama. Hier fühlt man sich sofort irgendwie wie zu Hause angekommen. Viele Hostels, Bars, Reisebüros und Souvenirläden. Außerdem viele, meist junge Touristen aus aller Welt. Das Städtchen ist sehr beschaulich und trotz der Touristen nich allzu überlaufen. Aber vielleicht ist auch noch nicht Hochsaisen. Denn in meinem 4-Bett-Zimmer bin ich der einzige Gast.

 

Donnerstag, 01. Dezember 2022 - San Pedro de Atacama

San Pedro de Atacama ist das Sprungbrett zu vielen Outdoor Aktivitäten und Touren in der dortigen Gegend der Atacama Wüste. Die Atacama erstreckt sich entlang der Pazifikküste Südamerikas über eine Distanz von rund 1200 Kilometern. Sie ist die trockenste Wüste der Erde außerhalb der Polargebiete. Es gibt Orte, an denen jahrzehntelang kein Regen registriert wurde. Die Atacama liegt im Regenschatten der Anden. Nahe der Küste verhindert eine kalte Meeresströmung, der Humboldtstrom, die Entwicklung von Regenwolken. Durch die Auswirkungen des Klimaphänomens El Niño, das mit einem Zurückbleiben des Humboldtstroms einhergeht, kommt es relativ regelmäßig im Abstand von etwa sechs bis zehn Jahren zu heftigen Niederschlägen. Im Jahresmittel fällt hier nur etwa ein Fünfzigstel der Regenmenge, die im Death Valley in den USA gemessen wird. Es gibt Wetterstationen in der Atacama, die über viele Jahre hinweg keinen Niederschlag verzeichnet haben. Es herrschen sehr große Unterschiede zwischen den Maximaltemperaturen am Tag (30 °C) und den Minimaltemperaturen in der Nacht (-15 °C). (Auszug aus Wiki)
Von den vielen Touren, wie z. B. Baden in Lagunen, Flamingos beobachten, Trekking, hätte mich nur die Tour zu den Geysiren interessiert. Aber die startet morgnes um vier Uhr, um am Sonnenaufgang dort zu sein. Das ist mir dann doch zu früh. Denn nach den beiden vergangenen Tagen brauche ich dringend mal ne Ruhepause. Am Spätvormittag schwinge ich mich dann doch aufs Moped und fahre mal Richtung Norden zum 25 km entfernten Guatin Canyon. Der ist ganz schön anzuschauen aber nicht wirklich spaktakulär.
Am frühen Nachmittag bin ich dann auch wieder in San Pedro de Atacama, gerade rechtzeitig, um das Ausscheiden der Deutschen Fußball Nationalmannschaft aus der WM in Quatar mitzuerleben (trotz eines 4:2 gegen Costa Rica). Dann brauche ich schon für die weitere Tour keine Rücksicht mehr auf Fußball-Termine zu nehmen. Den Frust beim Fußball Schauen hätte ich gern mit einem Bierchen weggespült, doch in dem Restaurant, in dem ich sitze, gibt es nur Alkohol, wenn man auch etwas ißt - sowas habe ich auch noch nicht erlebt!

 

Freitag, 02. Dezember 2022 - Weiter nach Antofagasta an die Pazifikküste (km 4770)

Der Tag heute ist schnell erzählt. Denn heute will ich endgültig die erste Andenüberquerung vollenden und die Pazifikküste in der zweitgrößten chilenischen Stadt, Antofagasta, erreichen. Da es "nur" 300 km auf asphaltierten Straßen sind, ist am Morgen keine Eile geboten. Gegen neun Uhr komme fahre ich dann weg. Es ist schon grotesk, denn die Zufahrtsstraßen nach San Pedro de Atacama sind sämtlich geteert und in einwandfreiem Zustand. Die gesamte Innenstadt dagegen, ist komplett unbefestigt. Und die vielen Autos die darauf fahren wirbeln gehörig Sand und Staub auf.
Die Fahrt führt zunächst wieder 100 km zurück nach Calama, also die Strecke, die ich vorgestern hierher gekommen bin. Kurz vor Calama kommt man an quadratkilometergroßen Photovoltaikanlagen und an Windkraftanlagen vorbei. An Sonne und Wind sollte es hier in der Atacama nicht mangeln, also kein schlechter Standort.
In Calama biege ich nach links auf die Routa 5 von Chile ein. Die Routa 5 ist die längste Straße von Chile. Sie ist 3364 km lang und Teil des Panamericana Highways. Von den 3364 km fahre ich heute jedoch nur etwa 200. Zunächst noch auf einer Höhe von fast 3000 Metern. Es ist jedoch kein rascher Abstieg Richtung Meereshöhe null, sondern das Gelände fällt mit jedem Kilometer langsam bergab, je weiter man Richtung Ozean kommt. Erst die letzen Kilometer fällt es steil bergab ins Meer.
Gegen 14 Uhr Nachmittags lotst mich das Navi zielsicher in die Innenstadt zum Hostal Caracoles. Das Navi hatte ich die vergangenen zwei Wochen nicht benötigt. Denn in den Bergen gibt es nicht viele Straßen, wo man falsch fahren könnte. Mein Vermieter Felipe, der selbst Motorrad fährt, steht zufällig grade am Eingangstor, als ich ankomme. Das Moped kann ich diebstahlsicher immer Innenhof abstellen - ein Grund, warum ich diese Unterkonft gewählt habe.
Am Nachmittag sehe ich mir noch die Innenstadt von Antofagasta an und laufe mal zum Strand hinuner. Das Wasser erscheint mir jedoch viel zu kalt zum Baden - bis zu den Knien war ich drin. Das kommt daher, daß hier an der Küste der kalte Humbold Meeresstrom vorbeiläuft. Beim hieseigen Yamaha Händler erfahre ich, daß ich weiter südlich von Santiago de Chile, in Temuco, auch neue Reifen für meine XTZ bekomme - gut zu wissen, denn irgendwann sind die hinüber. Und das sollte nicht grade am Ende der Welt sein.
Vor Sonnenuntergang soll ich zurück sein, bläut mir Felipe ein. Denn nachsts ist hier allerhand Gesindel auf den Straßen unterwegs.

 

Samstag, 03. Dezember 2022 - Ruhetag in Antofagasta

Für heute habe ich mir nichts besonderes vorgenommen. Lediglich mal wieder ein wenig Sport zu treiben. Und da ich kein Fitnessstudio finden konnte, gehe ich halt am Spätvormittag ne Runde Joggen an der ewig langen Strandpromenade von Antofagasta.
Antofagasta ist mit ca. 400.000 Einwohnern die sechstgrößte Stadt von Chile. Das Prokopfeinkommen ist mit am größten. Das kommt daher, daß es im Umland viele Minen gibt, deren Rohstoffe abgebaut und im Hafen hier verschifft werden.
Gleich nach Mittag wollte ich nochmals zum hiesigen Yamaha Händler laufen und mir ne Ersatz-Zündkerze sowie einen Zündkerzenstecker vür die XTZ kaufen. Aber leider bin ich zu spät dran, die machen schon um 14 Uhr zu.
Dann setze ich mich halt in ne Kneipe und schaue das Achtelfinalspiel Argentienen gegen Australien an (2:1).

 

Sonntag, 04. Dezember 2022 - Weiter nach Caldera (km 5279)

So langsam muß ich Kilometer machen und weiter nach Süden kommen. Denn mein Weg ist noch weit bis Patagonien. Aber viel mehr als 500 km am Tag will ich mir nich zumuten, bei einer Höchstgeschwindigkeit von 90 km/h. Da fällt die heutige Etappe bis Caldera mit 501 km genau ins Raster. Allein deshalb heißt es wieder früh aufzustehen und das Frühstück schon vor 7 Uhr einnehmen. Da heute Sonntag ist, komme ich trotz der acht Kilometer Stadtverkehr recht schnell hiinaus, die Berge hoch und zurück auf die Routa 5, den Panamericana Highway. An der Auffahrt ist für die nächsten 230 km die letzte Möglichkeit zum Tanken - also nichts wie hin und volltanken bis zum Anschlag (spanisch: llenarse).
Der Panamericana führt etwa 20-50 km im Landesinneren immer weiter nach Süden bis auf eine Höhe von über 2000 Metern. Die XTZ schnurrt bei 6000 Umdrehungen und 90 km/h schön vor sich hin. 100 ccm und 10 PS hätten ihr insofern gutgetan, alsdaß ich nicht ständig von den LKW überholt werden würde. Die brettern halt mit 100 bis 110 Sachen an mir vorbei (die meisten jedenfalls). Wie die letzten Tage auch, fahre ich in der Atacama Wüste. Die Gegend gleicht einer Mondlandschaft. Keine Bäume oder Sträucher zu sehen - alles ist kahl. Hier hätte man durchaus Apollo 11 drehen können! Nach 230 km kommt doch tatsächlich die in MapsMe eingezeichnete Tankstelle, sodaß der Ersatzkanister voll bleibt. Etwa 100 km vor Caldera führt der Highway stetig bergab bis Chanaral. Diese Kleinstadt liegt direkt am Pazifik. Von hier aus führt der Weg fast ständig am Meer entlang bis Caldera. Mein Hotel El Maestro finde ich auch recht schnell.
Im 19. Jahrhundert hatte Caldera den zweitgrößten Hafen für den Abtransport der Rohstoffe aus den Minen. Heute ist es ein kleineres Touristennest mit ein paar schönen Stränden und Strandpromenaden. Voll wird es hier im Januar und Februar zur Hochsaison - jetzt wirkt es noch etwas verschlafen.

 

Montag, 05. Dezember 2022 - Von Caldera nach La Serena (km 5684)

Nach den 500 km gestern, ist die Etappe heute nur 400 km weit. Sie führt in den südlich von hier gelegenen Touristenort La Serena. Morgens um acht nach dem Frühstück geht's los, zurück auf die Routa 5, den Panamericana Highway. Der verläuft 30 km von der Küste entfernt in den Bergen. Der kalte Humboldstrom sorgt dafür, daß es den ganzen Vormittag nebilig ist. Und damit in 2000 m Höhe bitterkalt. Ich habe alles warme angezogen und friere immer noch. Ich muß mir dringend warme Klamotten kaufen! Nach 2,5 Stunden habe ich die Hälfte der Distanz geschafft. Die einzige Stadt, die dazwischen liegt, heißt Vallenar. Dort tanke ich nicht nur das Moped auf, sondern auch eine gehörige Ladung Sonne für meinen eingefrorenen Körper.
Mit ner Stärung, einer Tasse heißen Kaffees und der Sonne im Rücken fährt sich die zweite Hälfte der Etappe viel angenehmer. Aber die letzten 50 km führen wieder an der Küste entlang, was bedeutet, daß es wieder kühler und windiger wird - also wegen des Wetters hätte ich nicht hierher kommen müssen.
Gegen halb zwei am Nachmittag stehe ich dann auch schon vor der Tür des El Arbol Hostels in La Serena. Nur um mitgeteilt zu bekommen, daß man erst um 15 Uhr einchecken kann! So spät habe ich das auch noch nirgends erlebt. Dann sattle ich halt das Gepäck ab und fahre ins nahe gelegene Einkaufszentrum, um einen Kaffee zu trinken und einen Donat zu verspeisen.

 

Dienstag, 06. Dezember 2022 - Valle del Elqui (km 5816)

Heute früh mach ich mich zunächst auf die Socken, um einen Motorradhändler zu finden. Denn ich brauche dringend noch ne Ersatz-Zündkerze und einen passenden Zündkerzenstecker dazu. Beim Suzuki-Händler Tonino bin ich fündig geworden. Zumindest was die Zündkerze betrifft - den Stecker haben sie nicht.
Das Elqui Tal beginnt gleich hinter La Serena. Es führt immer in östlicher Richtung. Am Ende des Tales mündet die Straße in den Paso Agua Negro (Pass des schwarzen Wassers). Der führt über die Berge nach Argentinien. Aber so weit will ich gar nicht fahren. Nach etwa 30 km kommt man an einen Staudamm mit einer Talsperre, dessen Wasserstand aber erschreckend niedrig ist. Dahinter geht es bergauf und es wird mit jedem Kilometer gefühlt ein Grad wärmer. Da es durch den Fluß hier Wasser gibt, ist alles grün. Das meiste Grün rührt von den vielen Weinreben her. Man fährt die nächsten 30 km gefühlt von einem Weingut in das nächste. Gerne hätte ich eine Weinprobe gemacht, aber ich muß ja noch fahren ...
Mein Ziel ist die Stadt Vicuna. Die liegt etwa 60 km von La Serena entfernt. Hier ist es mit weit über dreißig Grad bestimmt doppelt so warm wie am Meer. Hoch oben auf einem Berg liegt ein Observatorium. Hinauf gefahren bin ich, aber leider hat es zu. In der Atacama Wüste gibt es sehr viele Observatorien für den Sternenhimmel. Das liegt daran, daß hier die Luftfeuchtigkeit praktisch bei null liegt und somit nichts den Blick nach oben trübt. Außerdem gibt es keine "Lichtverschmutzung" durch andere Lichtquellen.

 

Mittwoch, 07. Dezember 2022 - Ruhetag

Ganz zur Ruhe kommen will ich heute nicht. Denn ich muß zwingend mal wieder die alten Knochen bewegen. Genauer gesagt die Muskeln stärken. Gestern habe ich nicht weit von hier ein Fitnessstudio gesehen. Und da marschiere ich heute nach dem Frühstück mal hin. Die Tageskarte kostet stolze 8,50.- Euro. Aber es hilft nichts - ich muß mich da 1,5 Stunden maltretieren. Entsprechend kaputt komme ich auch wieder raus. Die haben wenigstens große Duschkabinen mit heißem Wasser. Die Kabine ist mindestens so groß wie das Ein-Quadratmeter-Badezimmer im Hostel.
Anschließend laufe ich in die Innenstadt zum Klamottenmarkt. Denn ich brauche dringenst ein warmes Fleece für unter die Motorradjacke. Denn wie vorgestern früh stundenlang frieren, will ich nicht mehr. Die Motorradjacke nehme ich vorsichtshalber mit. Und ich werde tatsächlich fündig.
Das dritte wichtige To-Do für heute ist das Probe-Aufstellen des Zeltes, das ich in Asuncion gekauft habe. Im Park nebenan ist das auch schnell erledigt. Nur ob das Zelt den Anforderungen von extremen Witterungsbedingungen standhält, da habe ich so meine Zweifel. Da wäre noch ne dicke, wasserdichte Gewebeplane obendrüber nicht von Schaden.
Und weil heute Nachmittag im Vergleich zu gestern mal schönes, sonniges Wetter ist, laufe ich nochmals die anderthalb Kilometer zum Strand und zum Leuchtturm runter. Allerdings bläst der Wind kalt vom Meer her, sodaß ein Pulli unbedingt vonnöten ist. Und das Wasser ist eiskalt, selbst wenn man nur bis zu den Waden drin ist. Ein paar mutige Badegäste haben den Sprung ins kühle Nass jedoch gewagt.
Leider ist mir entgangen, daß man hier in La Serena auch auf Walfang mit der Kamera gehen kann. Ein paar andere Gäste des Hostels waren heute auf Tour und haben tatsächlich einige Wale aus der Nähe gesehen.

 

Donnerstag, 08. Dezember 2022 - Weiter nach Valparaiso

Wie die beiden Tage zuvor, hängen auch heute früh wieder Wolken und Nebel über der Küste und es bläst ein eisiger Wind landwärts. Grund genug bei der Abfahrt gleich mal die warme Fleeceweste unterzuziehen, was auch dringend vonnöten ist. Auf das etwas magere Frühstück verzichte ich heute. Denn das gibt es erst ab acht Uhr. Und ich will an Fahrtagen möglichst früh wegkommen. Denn die Tagesetappe nach Valparaiso am Meer beträgt 460 Kilometer. Auch heute mußte ich mehrere Male Maut entrichten, diesmal aber hundefrei. Gegen elf Uhr ist dann auch schon die Hälfte der Strecke abgefahren. Grund genug ene der wenigen Tankstellen mit Rasthaus anzufahren um das Moped nachzutanken und mir endlich ein Frühstück und einen heißen Kaffee gegen die Kälte zu genehmigen.
Gegen Mittag reißt dann endlich der Himmel auf und die Sonne kommt heraus. Mit jeder Viertelstunde wird es deutlich wärmer und kurze Zeit später muß ich fast alles entledigen, um nicht zu schwitzen. Innerhalb einer halben Stunde ist das Thermometer um 20 Grad gestiegen!
100 km vor Santiago de Chile zweigt die Autobahn zur Küste ab. Man erreicht zuerst die Touristenhochburg Vina del Mar und ein paar Kilometer später dann Valparaiso. Ohne Navi hätte ich das Hoteal Brons bestimmt nicht gefunden. Der junge Besizer heißt Brons mit Nachname. Sein Vater ist Deutscher. Er selbst spricht aber leider kein deutsch. Das Hostel liegt hoch oben auf einem Felsen über der Stadt. Von hier aus hat man einen grandiosen Ausblick auf die Stadt und das Meer. Allerdings ist das Haus meiner Ansicht nach schon sehr alt und etwas baufällig. Ich hoffe nur, daß es die nächsten zwei Tage noch auf dem Felsen standhält. Die Gegend hier erinnert etwas an die Favelas an den Berghängen von brasilianischen Städten.
Den Restnachmittag marschiere ich runter in die Innenstadt, um mich mal umzusehen. Touristen gibt's hier fast keine. Aber so wollte ich es ja. Man muß nicht immer in den Tourie-Hochburgen absteigen, um Land und Leute kennenzulernen.

 

Freitag, 09. Dezember 2022 - Valparaiso (km 6370)

Für den heutigen Tag habe ich mir nicht viel vorgenommen. Am Vormittag laufe ich runter, um die Innenstadt von Valparaiso zu inspizieren und habe tatsächlich einen 18er Zündkerzenschlüssel gefunden - der fehlt mir noch in der Ersatzteilkiste. Interessant und belebt geht es immer am Fischmarkt zu. Da warten schon hunderte von Möwen und auch viele Pelikane auf das, was zu Boden fällt, um sich sofort darauf zu stürzen und um das Futter zu streiten. Zu Fuß laufe ich die etwa fünf Kilometer lange Strandpromenade zur Nachbarstadt Vina del Mar. Die beiden Städte sind quasi zusammengebaut. Zum zurück laufen habe ich keine Lust mehr und nehme einen der vielen Stadtbusse, die im Minutentakt verkehren.
Nachdem ich noch nicht wirklich viel von der Fußball-Weltmeisterschaft in Quatar gesehen habe, und heute um 12:00 und 16:00 Uhr Ortszeit die beiden Halbfinals ausgetragen werden, suche und finde ich eine Kneipe, die das überträgt. Es läuft praktisch überall hier ein Fernseher, denn die Südamerikaner sind bekanntlich alle fußballbegeistert. Und natürlich sind die Chilenen für die Teams aus Südamerika. Ich dagegen bin für die Europäer - aber das müssen die ja nicht unbedingt wissen.
Endergebnisse:
Holland - Argentinien  3:4 n.E.
Kroatione - Brasilien  4:2 n.E.(v
Am Abend mache ich es mir bei einem Bier gemütlich auf der Terasse des Brons Hostels und schaue (vermutlich) zum letzten Mal auf den Pazifik. Denn den werde ich wohl nicht mehr sehen.

 

Samstag, 10. Dezember 2022 - Auf nach Santiago de Chile (km 6488)

Hatte ich vorgestern bei der Ankunft noch etwas Bedenken über die Stabilität des Bons Hostels hoch oben auf einem Felsen, so wurde diese Stabilität heute früh gehörig auf die Probe gestellt. Punkt 04:30 Uhr bin ich wach geworden, weil jemand an dem Haus zu rütteln schien. Mir wurde schnell klar, daß das ein Erdbeben ist. Ich wollte schon halbnackt auf die Straße rauslaufen, da hat es plötzlich wieder aufgehört zu rütteln. Nicht, um kurze Zeit später wieder mit höherer Intensität zu Wackeln. In so einem Moment weißt du nicht, was du tun sollst. Du hoffst einfach nur, daß es möglichst schnell wieder aufhört. Ich weiß nicht, wie lange es gedauert hat, für mich war es eine Ewigkeit. Nachdem endlich der zweite Stoß vorbei war, bin ich raus gelaufen. Dort stand schon mein Vermieter. Er meinte nur: "Willkommen in Chile!", das kommt hier öfters vor. Allerdings war dieser Stoß schon relativ heftig. Jedenfalls habe ich in dieser Nacht kein Auge mehr zu bekommen. Glücklicherweise blieb es dann ruhig. Grund genug für mich, um sieben Uhr aufzustehen, zu packen, nichts wie weg von dieser baufälligen Bretterbude und ab auf die Autobahn Richtung Santiago.
Noch bevor ich vorige Woche in Antofagasta war, war die Hauptstadt Chiles, Santiago de Chile, immer angeschrieben, wenn auch noch mit über 1000 km Entfernung. Heute will ich endlich den Sprung dorthin schaffen. Eigentlich ist es kein Sprung sondern mit 100 km Entfernung nur ein "Hopser". Bevor ich jedoch mein gebuchtes Aji Hostel ansteuere, mache ich einen Stop in der Innenstadt, in der "Calle Lira". In dieser Straße sind viele Motorradläden und Bekleidungsgeschäfte. Denn ich brauche dringend noch einen Regenkombi für das schlechte Wetter in Patagonien. Leider haben heute am Samstag nicht alle Geschäfte offen und in meiner Größe habe ich keinen gefunden. Dafür ist hier die Servicestation von Yamaha. Man hat mir gesagt, daß ich alle 3500 km einen Ölwechsel vornehmen soll. Da bin ich schon 1500 km drüber. Aber auch ohne vorige Anmeldung kann ich das Moped abgeben und ne halbe Stunde später hat der Servicetechniker dann auch das Öl (20W50) und den Filter dazu gewechselt - auf in die nächsten 3500 (oder mehr)!
Hier im Aji Hostel habe ich leider keinen abgeschlossenen Parkplatz (spanisch: eparcamiento), sondern muß die Karre davor stehen lassen. Wenigstens kann ich sie an einem Gitter abschießen.
Um mir einen ersten Überblick über Santiago zu verschaffen, marschiere ich die 3 km bis zur Innenstadt. Dort ist der "Cerro Santa Lucia" Park mit einem etwa 50 Meter hohen Berg. Von dem aus hat man ne tolle Aussicht. Santiago liegt etwa in 500 Metern Höhe in einem Talkessel zwischen den Küstenkordilleren und den Anden. Seit ewiger Zeit ist es endlich mal windstill. Deshalb klettern die Temperaturen hier auch auch weit über 30 Grad.
Ich bin etwas in Eile, denn um 16 Uhr Ortszeit beginnt das Viertelfinalspiel England gegen Frankreich (Endstand 1:2). In einer Kneipe sitze ich neben einem englischen Paar. Die mußte ich nach dem Spiel etwas moralisch aufbauen. Er spricht sogar recht gut deutsch, hat er doch vor vielen Jahren mal in Schluchsee, im Schwarzwald, gearbeitet.

 

Sonntag, 11. Dezember 2022 - Free Walking Tour in Santiago

Wie in fast allen größeren Städten der Welt, so bietet auch Santiago morgens um 10 Uhr und Nachmittags um 15 Uhr eine 4-stündige kostenfreie Stadtführung an. Ganz zum Schluß gibt man dem Guide dann eine Spende als Aufwandsentschädigung.
Los geht's um 10 Uhr am Rande des Kongress-Parks. Mit einem jungen Litauer fahre ich mit der U-Bahn dorthin. Die Führung ist zum Glück in englischer Sprache. Mit spanisch hätte ich mich schwer getan. Ca. 15 Leute haben sich eingefunden. Unser junger chilenischer Guide spricht gut englisch.
Santiago wurde am 12. Februar 1541 von Pedro de Valdivia unter dem Namen „Santiago del Nuevo Extremo“ gegründet. Der Name sollte an die spanische Wallfahrtsstadt Santiago de Compostela erinnern (Wiki).
Die Tour umfasst so alles, was es in jeder Hauptstadt zu sehen gibt: Kathedralen, Museen, Regierungsgebäude, Börse und den Zentralmarkt mit umliegendem Flohmarkt. Hier ist besonders Obacht geboten, meint unser Guide. Hier wird viel geklaut und geraubt. Und tatsächlich ist vor unseren Augen einer Passantin die Halskette abgerissen worden und der Dieb geflüchtet. Also merke: immer alles anbinden und fest in der Hand halten. Keine Wertgegenstände sichtbar tragen, das lockt Diebe an. Augen immer offen halten, auch und vor allem nach hinten.
Die Stadtführung endet im Stadtteil Bella Vista. Hier steppt abends der Bär. Bars, Kneipen, Restaurants und Nachtclubs en masse. Leider vom Hostel fast 2 km zu laufen. Vielleicht komme ich doch abends mal her, auch wenn man nicht alleine raus soll.
Gegen 14 Uhr ist die Führung dann auch vorbei, nicht bevor unser Guide uns noch ein spanisches Ständtchen gesungen hat. Der Mann hat echt Talent. Er sollte sein Geld besser mit Singen verdienen, nicht mit Stadtführungen.
Der Stadtteil Bella Vista liegt gleich zu Füßen des 280 Meter hohen Berges "Cerro San Cristobal". Der Gipfel ist ein beliebtes Ausflugsziel, das man zu Fuß, mit dem Fahrrad, mit Kraftfahrzeugen auf einer Mautstraße, mit einer Kleinkabinenumlaufluftseilbahn oder mit einer Standseilbahn erreichen kann. Vom Gipfel aus hat man einen guten Blick über die verschiedenen Stadtteile von Santiago und bei klarem Wetter auf die Andenkette im Osten. Auf dem Gipfel befinden sich eine Kirche, ein Amphitheater und eine 22 m hohe Statue der Jungfrau Maria. Papst Johannes Paul II. hielt dort 1987 eine Messe (Wiki).
Eigentlich wollte ich gerne die Drahtseilbahn hinauf nehmen. Mit 3,50.- Euro auch sehr erschwinglich. Aber am heutigen Sonntag ist natürlich die ganze Stadt unterwegs und Horden von Touries wollen hinauf. Die Schlange ist so lang, daß mir die Entscheidung hinauf zu laufen, nicht schwer fällt. Aber es ist halt ein einstündiger Fußmarsch in glühender Sonne. Entsprechend komme ich dann auch oben an. Aber die Aussicht lohnt auf jeden Fall. Viel mehr noch als gestern vom Cerro Santa Lucia hat man einen grandiosen Ausblick auf die Stadt, die etwas niedrigeren Küstenkordilleren im Westen und die teils noch schneebedeckten, hohen Gipfel der Anden im Osten.
Wieder unten zu Fuß angekommen, reicht es mir wirklich für heute, nachdem ich jetzt sieben Stunden per Pedes unterwegs war.

 

Montag, 12. Dezember 2022 - Wiedersehen mit Tomas A.

Nachdem ich heute schon früh um 06:30 Uhr wach geworden bin, auch nicht mehr einschlafen konnte und schon mehr als eine Woche mich nicht mehr schnell bewegt habe, fiel die Entscheidung nicht schwer, aufzustehen, die Turnschuhe anzuziehen und mal ne Runde Laufen zu gehen. Inmitten der vierspurigen Avenida Providencia gibt es einen breiten Grünstreifen, der regelrecht dazu einlädt. Allerdings ist der nach gut einem Kilometer auch schon zu Ende. Nur gut, daß von hier eine Straße Richtung Bella Vista, und damit Richtung Berg San Christobal abzweigt. Also genau der Berg, den ich gestern Nachmittag in glühender Sonne schon bézwungen habe. Da hinauf führt auch eine Straße. Nicht unbedingt steil, aber halt vier Kilometer lang stetig bergauf. Eine gute Stunde später habe ich dann tatsächlich den Gipfel erreicht, ohne Zwischenrast - die Kühle des Morgens macht's möglich. Das Frühstück um halb neun im Hostel habe ich mir damit auch mehr als verdient.
Am Vormittag nehme ich die U-Bahn und fahre in die Innenstadt zur Lira Straße. Dort war ich vorgestern schon mal. Denn ich brauche immer noch einen Regenkombi für schlechtes Wetter. Und heute am Montag haben alle Läden dieser "Motorradstraße" offen. Denn hier kannst du alles kaufen in Bezug auf Mopeds: ganze Motorraäder, Ersatzteile oder eben auch Bekleidung. Unzählighe Shops bieten fast alles an. Im vierten Laden werde ich dann auch fündig. Nen ganzen Kombi kaufe ich nicht aber halt ein Regenjacket für ungemütliches Wetter.
Mein längerer Aufenthalt hier in Santiago ist meinem früheren Bekannten Tomas A. geschuldet. Den hatte ich vor acht Jahren in Irkutsk am Baikalsee getroffen, als ich mit der Transsibirischen Eisenbahn unterwegs war. Er ist Deutsch-Chilene und spricht gut deutsch, hat einen deutschen und einen chilenischen Pass. Seine Großväter sind zwischen dem 1. und 2. Weltkrieg hierher ausgewandert. Er war die letzten Tage Bergsteigen und hatte noch keine Zeit. Wir treffen uns auf halbem Weg von meiner Unterkunft und seinem Haus und haben nach acht Jahren natürlich viel zu erzählen. UND: er gibt mir so viele Hinweise und Tipps über den Süden von Chile, daß ich ab sofort meine Reiseroute umplanen muß. Ich muß unbedingt die große Insel Chiloe abfahren und die Gegend um Carretera Austral, die patagonischen Anden Chiles. Auf dem Weg dorthin darf ich keinesfalls die Seenlandschaft zwischen  Tumuco und Puerto Montt verpassen. Da fällt wohl die südlichste Stadt der Welt, Ushuaia, schon heute buchstäblich ins Wasser von Kap Horn.

 

Dienstag, 13. Dezember 2022 - Cerro Manquehuito und Cerro Manquehue

Da ich Tomas gestern davon überzeugt hat, doch noch länger in Chile zu bleiben und dafür einen Teil von Argentinien zu streichen, werde ich mir doch noch eine SIM Karte hier zulegen. In Chile gibt es wohl drei Anbieter: Claro, Movistar und Entel. Mit der U-Bahn bin ich auch gleich in der Stadtmitte. Das sind von meiner Station Santander nur drei Stationen. Claro habe ich auch gleich gefunden. Die sind wohl der größte Anbieter, aber etwas unpersönlich. Da musst du die SIM von einem Automaten herauslassen. Nur gut, daß es keine 100 m weiter einen Movistar-Shop gibt. Die bitten mich gleich herein und kümmern sich echt rührseelig um mich. Und für 5 Euro bekommt man eine Prepaid-Karte mit 500 Freiminuten und 40 GB Datenvolumen - da können die deutschen Anbieter nicht mithalten. Und nen Pass oder Ausweis wollen die auch nicht sehen.
Das Postamt für die 2 verbliebenen Postkarten an Onkel und Tante ist auch gleich um die Ecke - wie praktisch. Nur Postkarten sind in Santiago keine zu bekommen. Ich habe es vergeblich versucht. Aber ich habe ja noch zwei aus Bolivien im Gepäck. Die bekommen jetzt halt nen chilenischen Stempel.
Mit Tomas habe ich gestern vereinbart, daß wir heute einen seiner zwei "kleinen" Trainingsgipfel etwas außerhalb der Stadt bezwingen. Denn er befindet sich grade im Training auf einen 6000er zu besteigen. Aber leider kommt er nicht weg von der Arbeit. Er arbeitet in deiner kleineren Internetfirma, die Möbel vertreiben. Und seit Corona boomt der Internetverkauf. Also fahre ich halt alleine mit dem Moped die 14 km Richtung Nordwesten aus Santiago. Der größere der beiden kleinen Gipfel heißt Manquehue und ist 1601 m hoch, der kleiner Manquehuito 1316 m. Im Anbetracht, daß es schon 19 Uhr ist und ich gestern einen Berglauf auf den San Cristobal hinter mir habe, nehme ich den kleineren. In einer Stunde kann man den gut bezwingen und hat ne echt grandiose Aussicht auf Santiago de Chile, die Küstenkordilleren im Westen und die weit über 5000 Meter hohen Anden im Osten.

 

Mittwoch, 14. Dezember 2022 - Weiter nach Los Angeles (km 7030)

Vier Tage für Santiago reichen aus. Ich muß mal wieder Kilometer Richtung Süden machen. Eine Etappe von über 500 km an einem Tag sind durchaus zu schaffen, auch wenn es nur mit 90-100 km/h vorwärts geht. Dazu muß man aber früh wegkommen. Vor allem in Santiago. 05:15 Uhr klingelt der Wecker und kurz vor sechs Uhr komme ich im Morgenrot (leider) ohne Frühstückk weg. Denn das gibt es hier erst ab acht Uhr. Dafür bin ich bis der Tag anbricht raus aus dieser großen Stadt. Die hat man erst nach etwa 20 km hinter sich gelassen. Die Autobahn verläuft schnurgeradeaus Richtung Süden, in einem Tal, das zwischen den Kordilleren und den Anden liegt. Ich fahre praktisch den ganzen Tag auf der Ruta 5 von Chile. Die ist hier identisch mit dem Panamrican Highway. Mit meinen 100 Sachen, die ich der Yamaha abringe, kann ich das Rennen mit den meisten LKW aufnehmen. Einige sind jedoch schneller. Die lasse ich ziehen. Auffällig ist, daß die Landschaft mit jedem Kilometer, den man südwärts fährt, grüner wird. Im sehr heißen Santiago und der Umgebung spürt man noch die Ausläufer der Atacam Wüste. Südlich davon fährt man durch viele Weinanbaugebiete. Und etwa 300 km weiter ist die Autobahntrasse durch Fichtenwälder geschlagen.
Nach drei Tankstopps bin ich dann auch schon gegen 14:30 Uhr in Los Angeles. Nach LA wollte ich schon immer mal. Heuer reicht es halt nur für LA in Chile. Außerdem habe ich dies Stadt ausgewählt, weil sie meinem Tagespensum entspricht. UND: heute ist das 2. WM-Halpfinale, das um Ortszeit 16 angepfiffen wird. Das will ich auf keinen Fall verpassen (Frankreich - Marokko 2:0). Meine Unterkunft hier ist das Hostel mit dem unausprechlichen Namen "Hospadaje La ruta Los Angeles". Auch eine Kneipe mit verspätetem Mittagessen und Fußball bei einem Glas Bier, finde ich schnell. Und anschließend endlich eine Autowäscherei. Denn der Dreck von Bolivien muß endlich runter vom Moped. Den will ich nicht auch noch mitschleppen müssen.

 

Donnerstag, 15. Dezember 2022 - Pucon (km 7299)

Mein ursprünglicher Plan war eigentlich, heute in die Großstadt Osorno weiterzufahren und morgen dann über die Anden ins argentinische Bariloche. Aber nachdem mir Tomas aus Santiago so viele Infos und weitere Möglichkeiten in Chile gegeben hat, werde ich gleich heute seinen ersten Vorschlag in die Tat umsetzen und nach Pucon an den Villarica See fahren. Der ist der oberste von sehr vielen größeren Seen, die es hier im Süden Chiles gibt.
Die Fahrt führt zunächst wieder auf der Ruta 5, der Panamericana, etwa 200 km weiter in den Süden, an der Großstadt Temuco vorbei. Seit gestern Nachmittag fühle ich ich zusendst wie zu Hause. Denn Fichtenwälder säumen ebenso die Autobahn, wie saftig grüne Wiesen mit darauf weidenden Kühen und abgeernteten Getreidefeldern. Außerdem wird hier großflächig Gemüse und Obst angebaut - also alles wie in Mitteleuropa, oder aber Südschweden, wenn man die Holzhäuser in Betracht zieht. Weinanbau habe ich keinen mehr gesehen, denn die Temperaturen sind nicht mehr so hoch wie gestern.
In Freira nehme ich dann den Abzweig auf die Ruta 199 Richtung Villarica. Als ich halbwegs der Strecke um eine Kurve biege, traue ich meinen Augen nicht. Vor mir tut sich ein riesiger Vulkan mit schneebedecktem Gipfel auf. Ich halte erstmal an und staune: bin ich denn schon in Japan beim Vulkan Fuji angekommen? Der vor mir gleicht dem aufs Haar. Es ist jedoch der Vulkan Villarica mit 2847 Metern Höhe. In Villarica an der Uferpromenade des gleichnamigen Sees halte ich erstmal an für ein Fotoschooting mit dem Vulkan im Hintergrund. Der dominiert tatsächlich die ganze Gegend hier, ist er doch von fast überall aus zu sehen. Natürlich auch vom 25 km weiter entfernten Pucon, meinem Ziel für heute. Pucon liegt ebenfalls am Villarica See und ist praktisch ein Touristenort durch und durch. Mein Hostel hier heißt Luckys und wird nicht umsonst mit 9,3 bei booking bewertet. Sehr schönes Holzhaus, toll eingerichtet, geräumige Zimmer und alles tip top sauber. Für 17 Euro mit Frühstück komme ich in einem 4-Bett Zimmer unter. Das Areal ist eingezäunt und abgesperrt, also total sicher.
Angeboten werden hier so ziemlich alle Outdooraktivitäten, die man sich nur vorstellen kann: Rafting, Canyoning, Sommer-Skifahren, Vulkan besteigen, heiße Quellen besuchen, Radfahren, und ... und ... und... An jeder Straßenecke gibt es Agenturen , die das vermitteln. Ich jedoch, werde mich keiner Tour unterziehen. Denn mit Motorradfahren bin ich schon gestresst genug. Den Nachmittag verbringe ich damit, mir die Innenstadt und den schwarzen Vulkansandstrand des Sees anzuschauen. Man könnte auch Baden gehen ... aber der See hat bestimmt noch keine 20 Grad.

 

Freitag, 16. Dezember 2022 - Valvidia (km 7505)

Südlich vom Lago Villarica liegt der Lago Calafquen. Den fahre ich heute Vormittag erstmal an. Leider zieht der Himmel zu und es wird spürbar kälter. Den nächsten See, Panguipulli Lake, lasse ich links liegen und fahre Richtung Westen nach Los Lagos. Dort überquere ich die Ruta 5, also den Panamricana. Von Los Lagos führt eine gut ausgebaute Straße weiter nach Osten, immer dem Fluß "Rio Calle Calle" entlang. Der hat so etwa die Größe des Rheins, ist aber weder begradigt noch aufgestaut. Wie gestern auch, gleicht die Landschaft der von Zentraleuropa.
Am frühen Nachmittag bin ich dann auch schon in Valdivia. Die Stadt liegt nur unweit der Pazifikküste. Tomas meinte, es sei eine der schönsten Städte Chiles. Deshalb bin ich auch hierhergefahren. Aber ich glaube, das hatte er verwechselt oder nicht mehr so richtig gewußt. Denn die Stadt ist nichts besonderes. Das Besondere ist die Hinfahrt über den Rio Calle Calle. Das Einzige was hier überzeugt, ist die lange Uferpromenade am Fluss, der nur unweit von hier in den Pazifik mündet.

 

Samstag, 17. Dezember 2022 - Winterreifen für Patagonien in Puerto Montt (km 7727)

Die letzten Tage habe ich mir reiflich überlegt, wo ich wohl einen Satz neuer Reifen, inclusive Schläuche her bekomme. Hier in Valdivia habe ich gestern einen Motorradladen gefunden der tatsächlich meine Reifengrößen hätte. Aber die sind alle aus China. Die Marke habe ich noch nie gehört. Ich habe ein Foto aufgenommen und meinem "Chefmechaniker" Rudies aus Foz do Iguazu in Brasilien geschickt. Der meinte nur, "lass die Finger davon!". Er hat mir ein paar Vorschläge in Puerto Montt und Bariloche/Argentinien gemacht. Die in Puerto Montt habe ich kontaktiert, die waren leider Fehlanzeige (Motoss.cl). Sie haben meine Reifen nicht. Und nach Bariloche in Argentinien fahre ich jetzt doch nicht, nachdem ich weiter für Chile umgeplant habe. Glücklicherweise gibt es eine Yamaha-Hotline. Und die sprechen auch englisch - das erleichtert die Kommunikation merklich. Der Laden, mit dem Yamaha in Puerto Montt zusammenarbeitet, heißt "Austral Motos". Die wollten mich eigentlich zurückrufen, haben sie leider nicht. Und heute am Samstag haben die geschlossen, wie die meisten Läden in Chile. Mir bleibt wieder mal nichts anderes übrig, als früh aufzustehen, zu packen und möglichst noch am Vormittag im 230 km entfernten Puerto Montt aufzuschlagen und Vorort weiter nach Mopedreifen zu suchen.
Die Fahrt führt ähnlich wie gestern zunächst 50 km Richtung Osten durch die grünen Wälder der Kordilleren. In Paillaco erreiche ich wieder die Ruta 5, die Panamericana. Die ist so etwas wie die "Lebensader" des chilenischen Verkehrs, führt sie doch von ganz im Norden bis in den Süden der Insel Chiloe. Gegen Mittag bin ich dann auch in Puerto Montt. Einen der Reifenhändler, die ich gestern im Internet ausfindig machen konnte, fahre ich gleich an. Die haben jedoch nur Autoreifen. Aber sie zeigen mir einen Motorradladen, der nur zwei Häuserblocks weiter liegt und heute offen hat. Der heißt "JV motos". UND: die haben tatsächlich meine Reifen auf Lager, und nicht nur Chinesen, sondern für hinten einen Mitas und für vorne einen Continental - da schlägt mein Herz gleich höher! Auch die passenden Schläuche dazu sind auf Lager. Ich hatte mich schon halb darauf eingestellt, von hier mit dem Bus 1000 km zurück nach Santiago zu fahren, dort Reifen zu kaufen, und wieder die 1000 km zurück im Bus abzusitzen. Die zweite erfreuliche Nachricht ist, die Jungs von JV motos können die Reifen auch noch heute montieren - mit so viel Glück hatte ich am heutigen Tag nicht gerechnet. Allerdings tut es mir in der Seele weh, wenn ich sehe, daß meine "alten" Metzeler-Reifen eigentlich noch nicht wirklich alt sind. Erstaunlicherweise ist der vordere 21-Zoll Reifen schon nahe der Profilgrenze, während der hintere bestimmt noch 2000 km gelaufen wäre. Aber vermutlich ist hier in Puerto Montt die letzte Möglichkeit für mich Reifen zu wechseln. Die nächsten 5000 km werde ich bestimmt keine finden - also runter damit. JV motos hat eine gut ausgestattete, saubere Werkstatt mit zwei Motorrad-Hebebühnen. Der Mechaniker ist vom fach. Im Handumdrehen hat der die Räder demontiert und die Reifen gewechselt. Die "alten" Scläuche sind jedoch wie neu - die lasse ich wieder montieren und nehme einen Satz neuer als Ersatz mit. Eine halbe Stunde später ist die XTZ 250 neu bereift und ich bin gute 300 Euro erleichtert.
Mein Hostel hier heißt Lotus Shared House und wurde mit Sehr Gut von booking bewertet. Es liegt 3 km von der Innenstadt entfernt in einer Siedlung und ist eigentlich kein Hostel sondern eher eine AirBnB Unterkunft. Ich wohne praktisch mit der Familie zusammen in einem Haus und habe mein eigenes Zimmer. Für das Motorrad ist im engen Innenhof leider kein Platz. Aber kein Problem: die Nachbarin hat Platz ohne Ende. Ich kann es bei ihr vor dem Haus parken.

 

Sonntag, 18.12.2022 - WM Endspiel

Vorgestern als ich die Unterkunft hier gebucht hatte, war noch nicht in Aussicht, dass ich schon heute mit neuer Bereifung hier wegkomme. Der Tag hätte also zum "verlorenen" Fahrtag werden können. Wäre da nicht das Endspiel der Fußball Weltmeisterschaft in Quatar. Das beginnt Ortszeit um 12 Uhr. Da habe ich den Vormittag noch Zeit, mich um die nächsten Ziele zu kümmern. Ursprünglich wollte ich weiter auf die südwestlich von Puerto Montt liegende, 150 km große Insel Chiloe weiterfahren. Die hat mir Tomas aus Santiago wärmstens empfohlen. Und von dort dann auf das eigentliche, größere Ziel, Carretera Austral, mit der Fähre übersetzen. Aber alle Internetrecherchen brachten kein eindeutiges Ergebnis, wann denn die Fähren ablegen. Auch ein Anruf meiner Vermieterin bei der Hotline ist ergebnislos: nach ner halben Stunde in der Warteschleife gebe ich auf. Dann fahre ich morgen halt doch auf dem Landweg Richtung Carretera Austral.
Gegen 11 Uhr schwinge ich mich aufs Moped und fahre die 3 km in die Innenstadt, um mir ne Kneipe zu suchen. Ich wollte die Suche schon aufgeben, als irgendwann dann doch eine vor mir auftaucht. Bier trinken und Fußball schauen ist heute nicht, denn hier herrscht 0,00 Promillegrenze. Und in der Stadt laufen viele Polizisten herum. Mit einem komme ich schnell ins Gespräch. Er kennt sich aus und gibt mir gute Tipps für das Weiterkommen von hier.
Wie die meisten Experten vorhergesagt haben, hat Argentinien das Endspiel gegen Frankreich gewonnen, wenn auch erst im Elfmeterschießen. Natürlich unter großem Jubel der allermeisten Chilenen. Vielleicht hätte ich zum Mitfeiern doch schon ins nahegelegene Argentinien rüberfahren sollen.
Nach dem Spiel fahre ich noch ein Stück in Richtung des 20 km entfernt liegenden Lago Llanquihue. Auf dessen anderer Seite befinden sich die beiden schneebedeckten Vulkane, der Osorno Volcano und der Volcán Calbuco. Die konnte man gestern bei bedecktem Himmel schlecht erkennen.

 

Montag, 19.12.2022 - Fahrtag und Fährtag (km 7919)

Heute will ich endlich den Sprung nach Patagonien schaffen. Das ist die Gebirgslandschaft der Anden, die südlich von Puerto Montt in Chile bzw. von Bariloche in Argentinien beginnt. Mein Tagesendziel ist die Stadt Chaiten an der chilenischen Pazifikküste. Um dorthin zu kommen muß ich zwei oder drei Fähren erreichen. Also wieder mal zur unchristlichen Zeit um fünf Uhr früh aufstehen und Packen. Auf das sehr gute und reichhaltige Frühstück der netten Vermieterin muß ich leider verzichten. Sie hat mich die beiden letzten Tage echt mütterliche umsorgt. Natürlich bin ich auch heute erst zwei mal falsch gefahren, bis ich den richtigen Weg aus der Großstadt Puerto Montt gefunden habe, trotz Navi. Zunächst führt der Weg 45 km in südöstlicher Richtung an der Küste entlang bis zum Ort La Arena. Dort nehme ich die erste Fähre um 7 Uhr. Die überquert einen der vielen Fjorde hier. Ich komme genau rechtzeitig, denn hinter mir geht die Heckklappe hoch und der Kahn legt ab. Die halbstündige Überfahrt kostet 7 Euro. Ab hier kann man sich eigentlich nicht mehr verfahren, denn es gibt nur eine Straße, die . 55 km weiter endet die dann am Hafen von Hornopirén. Von hier aus legt die nächste Fähre nach Caleta Gonzalo ab. Die will ich unbedingt erreichen, da sie über 100 km weiter in den Süden schippert. Um halb neun stehe ich am Hafen. Die Fähre ist auch schon da, hat also alles gut geklappt. Denn ich wusste nicht genau, wann die ablegt. Jetzt nur noch schnell eine Fahrkarte kaufen. Aber am Schalter kommt die Ernüchterung: alles ausverkauft für heute! Ich soll morgen wieder kommen. Wie? Nichtmal Platz für ein kleines 250ccm Moped? Nein! Erstmal nicht. Den vielen Radfahrern, die hier mit ihren total überladenen Bikes ankommen, wird jedoch anstandslos ein Ticket verkauft. Meine XTZ nimmt bestimmt nicht viel mehr Platz in Anspruch, als einer der unter der Last des Gepäcks ächzenden Drahtesel. Ein Moped kann man immer irgendwo an der Seite abstellen. Es hilft nichts, ich muss warten. Eine halbe Stunde vor Abfahrt,, als alle reservierten Fahrzeuge an Bord sind, und hinten bestimmt noch Raum für 20 Motorräder ist, signalisiert man mir, daß ich doch noch mit kann - geht doch.
Es wäre sicherlich kein Beinbruch gewesen, hier in diesem schönen Örtchen Hornopirén einen Tag und eine Nacht zu verbringen. Aber mein Weg ist halt noch weit.
Nach etwa fünf Stunden Fahrt legt die Fähre dann sicher im Hafen von Caleta Gonzalo an. Gleich nach der Auffahrt der betonierten Rampe am Anleger staune ich nicht schlecht: denn die Straße hat sich in eine grobe Schotterpiste verwandelt - nicht schon wieder offroad! Schlecht, daß ich als einer der ersten von Bord fahre. Denn alle anderen Fahrzeuge, Autos und LKW) sind natürlich schneller als ich auf diesen Untergrund und fahren in einem Affenzahn an mir vorbei. Vor allem die LKW wirbeln soviel Dreck und Staub auf, daß ich erstmal gar nichts sehen - sind wir denn in Bolivien? Und dann noch der sehr grobe Schotter als Untergrund! Da färst du wie auf rohen Eiern! Immer, wenn aus dem groben Schotter ein fester Untergrund mit feinem Sand drauf wird, kässt sich die Geschwindigkeit auf max. 40 km/h beschleunigen. Auf rohen Eiern fährt man halt nur 10-20 km/h. Nach einer Stunde und etwa 25 km gefahrener Strecke hat der Spuk dann plötzlich ein Ende und die Straße ist (Gott sei Dank) wieder asphaltiert. Und so komme ich gegen halb sechs wohlbehalten am Küstenort Chaiten an. Eine Unterkunft hatte ich vorher nicht gebucht, da ich nicht wußte, ob ich die 2. Fähre erreichen würde. Und do fahre ich halt mal langsam durch den Ort und schaue mir die Hinweisschilder an. Beim Hostal "Don Carlos" mache ich Halt und frage nach ner Unterkunft. Für 20 Euro mit Frühstück bekomme ich dort eine kleine Bude - da steige ich gleich ab und suche nicht weiter. Den Chef "Don Carlos" kann ich gleich mit "Carlos" anreden - für Freunde kann man den "Don" weglassen, meint er. Carlos ist grade dabei, mit ein paar Leuten sein Hostal zu erweitern. Denn ab Januar, wenn hier die großen Ferien beginnen, kommen die Touristen scharenweise.
An der Tankstelle treffe ich auf zwei chilenische Biker, die grade nach Norden unterwegs sind, also dahin, wo ich herkomme. Die quetsche ich gleich aus, über Verkehrswege und Straßenverhältnisse im Süden. Unterhalb La Junta (150 km südlich von hier) ist die Straße wohl wieder unbefestigt. Nach Argentinien rüberzufahren, empfehlen sie nicht wegen der dort herrschenden starken patagonischen Winde. Aber genau dorthin führt mein Weg. Die Entscheidung wird wie immer vor Ort fallen.
Ach ja, und der Nikolaus mit seinem an einem Auto angehängten Pferdeschlitten ist heute Abend von der Polizei eskortiert auch durch die Straßen von Chaiten gefahren. Hier ist halt Weihnachten im Sommer und nicht im Winter wie bei uns.

 

Dienstag, 20.12.2022 - Halber Fahrtag nach Puyuhuapi (km 8117)

Auch für heute und vermutlich die nächsten Tage, werde ich keine Unterkunft vorausbuchen. Denn hier in Patagonien weißt du nie, wie lange du am Tag unterwegs bist, bis du dein Ziel erreicht hast. Größere Ortschaften oder gar Städte gibt es nicht sehr viele. Aber kleinere Weiler oder einzelne Gehöfte, die Hütten (Cabanas) oder Zimmer vermieten, schon viele. Und die liegen natürlich alle an der Ruta 7, die auch ich heute weiter Richtung Süden fahren werde. Die Straße ist sehr gut asphaltiert und befahrbar, die Landschaft eine Wucht. Sie gleicht doch sehr einer Alpenlandschaft im Sommer. Saftig grüne Wiesen, bewachsene Berghänge mit schneebedeckten Gipfeln. Die Fahrt führt fast ständig im Tal des Rio Risopatron entlang. Später dann immer entlang am gleichnamigen See, dem Lago Risopatron. In La Junta, einer etwas gröeren Ortschaft mache ich Mittag und lasse die Yamaha bis zum Anschlag volltanken. Denn mindestens die nächsten 200 km kommt keine Tankstelle, meint der Tankwart.
Eigentlich hatte ich mich schon auf Offroad Fahren am Nachmittag eingestellt. Denn laut den beiden chilenischen Bikern gestern Nachmittag, sollte ab hier die Straße schlecht werden. Tut sie aber zum Glück nicht. Und so genieße ich die Weiterfahrt bis nach Puyuhuapi am frühen Nachmittag. Bis zur nächsten Ortschaft, Villa Amengual, sind es nur ca. 90 km. Die wären eigentlich heute noch drin. Aber beim Kaffee erklärt mir der Wirt, daß die Straße über die Berge führt und von den 90 km etwa 30 unbefestigt und nicht leicht befahrbar sind. Das will ich mir heute Nachmittag nicht mehr antun. Schwere Etappen sollte man morgens beginnen, wenn man den ganzen Tag noch vor sich hat. Und so steige ich hier ab im "Hospedaje y Cabanas Mama Pasca". Die bietten mir Übernachtung und Frühstück in ner kleinen Bude für 15 Euro an - da sage ich nicht nein. Puyuhuapi liegt an einem großen Fjord. Leider trübt sich am Nachmittag das Wetter ein und es regnet leicht. Regen bin ich überhaupt nicht gewohnt auf meiner Tour.

 

Mittwoch, 21.12.2022 - Patagonien von der unschönen Seite (km 8343)

Das Hostel der Mama Pasca ist, wie fast alle Unterkünfte hier, ein Holzhaus. Auch die Innenwände sind deshalb hellhörig. Die bestehen hier aus OSB-Platten. Weil noch nicht Hauptsaison ist, sind außer mir nur drei der vielen Zimmer belegt. Aber die Kids im Nachbarzimmer machen bis morgens um 4 Uhr Krawall, daß ich fast nicht einschlafen kann. Irgendwann habe ich mal nen Brüller rausgelassen, dann kamen die Eltern und haben dem Spuk Einhalt geboten.
Deshalb weiß ich auch, daß es die ganze Nacht durchgeregnet hat. Und am Morgen regnet es grade so weiter. Nicht aus Kübeln, aber halt fortlaufend. Und das Regenradar sagt auch nichts Gutes voraus. Mein tatsächlich erster, richtiger Regentag auf dieser Tour. Eigentlich wollte ich früh los wegen der Offroad Bergetappe. Aber bei dem Wetter ...
Um acht Uhr krabble ich raus aus der Falle und gehe runter in die Küche, um mir ein paar Rühreier zu machen. Der Chef hat mich instruiert, wo ich was finde. Ich überlege schon, ob ich nicht noch einen Tag hierbleibe, um das schlechte Wetter auszusitzen. Aber auch morgen soll es nicht besser werden. Um neun Uhr wird es draußen eine Spur heller und der Regen hört (zumindes vorübergehen) auf. Schnell bepacke ich die Yamaha, ziehe mich an und verabschiede mich von Mama Pasca. Dann kommt heute erstmals die Regenjacke in Gebrauch, die ich in Santiago gekauft habe. Ne Regenhose habe ich leider nicht - das muß auch ohne gehen. Der Vermieter, ebenfalls ein Biker, will mir noch seine Regenhose mitgeben. Ich jedoch winke ab und fahre los.
Die ersten Kilometer bis zum "Miniflugplatz" von Puyuhuapi ist die Straße noch asphaltiert. Danach mündet sie abrupt in eine Schotterpiste. Die ist mehr oder weniger gut befahrbar. In den festgefahrenen Spuren, in denen kein Schotter ist, kann man auf 40 km/h beschleunigen. Ansonsten halt nur 20-30 km/h. Leider ist die Straße übersät mit sehr vielen kleinen und größeren Schlaglöcher. Die sind heute alle mit Regenwasser gefällt. Da weißt du nicht, wie tief die sind. Also müssen die umfahren werden, was natürlich nicht immer gelingt. Verantwortlich für die Löcher sind die vielen LKW. Die sind auch verantwortlich für die vielen Wellen auf der Fahrbahn. Es ist, als wenn du auf einem Wellblech fährst - also wieder herunnterbremsen und langsam fahren. Das einzig gute heute ist, daß das Moped nicht von überholenden oder entgegenkommenden Fahrzeugen eingestaubt wird. Aber dafür wird es von dem Dreck und den Prützen versifft - also auch nicht wirklich besser.
Nach etwa 10 km Offroad beginnt der Anstieg zum Pass. Vor dem hatte ich gehörigen Respekt. Der aber lässt sich fast einfacher fahren, als auf der Ebene. Denn es gibt keine Schlaglöcher und auch kein Wellblech auf der Fahrbahn. Und bergauf kann man immer mehr Gas geben als bergab. In vielen Kurven und Kehren führt der Pass etwa 10 km bergauf. Leider hat der Regen wieder eingesetzt und ist stärker geworden. Die Schuhe und die Hose sind bald unangenehm naß. Wenigstens mein Oberkörper bleibt trocken und warm. Bei diesem Sauwetter hatte ich mich schon auf eine unangenehm langsame Bergabfahrt auf der anderen Seite eingestellt, als sich plötlich am Gipfel eine frisch betonierte Fahrspur auftut. Damit hatte ich nicht gerechnet. Denn so komme ich auch sturzfrei über den Berg. Unten angekommen wird auch das Wetter mit jedem Kilometer zusehends besser. Und wenig später zeigt sich sogar die Sonne. Patagonien zeigt sich mir wieder von seiner besten Seite.
Die nächste Ortschaft heißt Villa Amengual. Aber da halte ich nicht an, sondern fahre weiter bis Villa Manihuales. Dort ist ne Copec Tankstelle. Auch wenn der Tank erst halb leer ist, es wird immer nachgetankt wenn möglich. Wann die nächste kommt, und ob die auch offen ist und Benzin hat, weiß man nie. Für ein zweites Frühstück bleibt auch noch Zeit. Von hier bis zu meinem Tagesziel, der Stadt Coyhaique, sind es nur noch 89 km auf gut ausgebauten Straßen. Die Strecke führt durch zwei wunderschöne Täler. Links und rechts türmen sich die hohen, dicht bewaldeten Berge. Unten saftgrüne Blumenwiesen mit grasenden Rindern, Gebirgsbächen mit Waserfällen. Eine Landschaft aus dem Bilderbuch.
Gegen 15 Uhr komme ich in Coyhaique an und finde mit dem Hostel Aldea Patagonia auch gleich eine passende Unterkunft.

 

Donnerstag, 22.12.2022 - Ungemütliche Fahrt nach Puerto Ibanez

Ähnlich wie gestern, so hinterlässt das Wetter auch heute Früh einen bescheidenen Einduck. Der Himmel ist bedeckt, es regnet leicht und die Temperatur beträgt nur 13 Grad. Da macht es auch keinen Sinn, noch einen weiteren Tag hier zu verbringen mit den vielen, angebotenen Outdoor Aktivitäten. Die Ruta 7 führt von oben bis unten durch Carretera Austral, also das Gebiet des chilenischen Patagoniens. Allerdings ist die nur bis 120 km südlich von hier asphaltiert, und dann nur noch mit geländetauglichen Vehikeln befahrbar. Sicherlich machbar mit der XTZ, aber halt auch zeitaufwendig. Zumal man immer wieder mal ne Fähre erwischen muß. Und ob ich weiter im Süden nach Argentinien rüber komme, ist auch nicht sicher.
Also wird wohl mein letztes Ziel hier in Chile der Ort Chile Chico werden. Der liegt eben 120 km südlich von Coyhaique, auf der anderen Seite des Lago General Carrera. Der See ist nach dem Titicacasee, der zweitgrößte See Südamerikas. Der See hat eine Größe von 180.000 Hektar und ist grenzübergreifend. In Argentinien heißt der Lago Buenos Aires. Damit ich sicher die Fähre über den See erwische, kaufe ich mir vorher in Coyhaique in deren Büro eine Fahrkarte. Die kostet nur 7 Euro. Der Kahn legt heute Abend um 18 Uhr am Puerto Ibanez ab. Das sollte zu schaffen sein.
Bei meiner Abfahrt kommt sogar die Sonne wieder zum Vorschein - nur um wenig später wieder in Regen überzugehen. Also wieder Mistwetter. Hinzu kommt das Auffrischen des Windes. Der kommt meist aus Norden, schiebt mich also auf meiner Fahrt nach Süden merklich an. Eigentlich nicht schlecht, aber die Windböen kommen stark aus unterschiedlichen Richtungen. Da ist es oft schwierig, die Maschine auf der Straße zu halten. Woher die Winde kommen sieht man ganz leicht an der Biegung der Bäume. Jetzt habe ich sie also, die berüchtigten Starkwinde Patagoniens.
Schon vor 14 Uhr komme ich am Hafenort Puerto Ibanez an und verziehe mich gleich in eine beheizte Pizzeria nur unweit des Hafens.
Das Wetter wird zusehends schlechter und der Wind orkanartig. Um 17 Uhr fahre ich die 400 Meter weiter zum Hafen. Die Fähre liegt schon mit geöffneter Bugklappe vor Anker. Als ich auffahren will, kommt die Ernüchterung: wegen der starken Winde legt heute keine Fähre mehr ab. Vielleicht morgen.
Was mache ich denn jetzt? Vorsichtshalber warte ich noch bis 19 Uhr. Denn da soll die zweite Fähre heute ablegen. Aber auch diesmal Fehlanzeige - auch der Kutter bleibt im Hafen. Ich schwinge mich aufs Moped und fahre langsam durch den Ort hier, immer auf der Suche nach einer Bleibe für die Nacht. Maps.me schlägt mir das Hospedaje La Unión vor. Und die haben tatsächlich ne kleine Bude für mich. Außer mir sind noch ein paar andere Fährgäste hier gestrandet.
Zum Glück ist gegenüber des Hostels einer der vielen Tante - Emma Läden. Das gibt mir die Gelegenheit, nochmals den guten chilenischen Wein zu kosten. Wenn auch nur aus dem Tetra -Pack.

 

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