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Südamerika 2022 – Bolivien

Dienstag, 22. November 2022 – Bienvenido a Bolivia

Urlaub ist nicht angesagt, sondern Motorrad fahren. Und heute steht die Etappe nach Bolivien an. Und das sind immerhin 360 Kilometer und ein Grenzübertritt, von dem ich nicht weiß, wie lange er dauern kann. Franz Dück meinte, die Bolivianer können einen auch mal ne längere Zeit stehen lassen, wenn sie keine Lust haben. Vor allem dann, wenn man es eilig hat. Also immer “tranquillo” (locker) bleiben und warten.
Deshalb nehme ich auch das Frühstück schon um sechs Uhr morgens ein und fahre um halb sieben weg. Aber schon nach ein paar Kilometern muß ich anhalten, um noch das Innenfutter in die Motorradjacke reinzumachen. Denn heute früh ist es richtig frisch hier. Als ich im Januar hier war, zeigte das Thermomter 51 Grad an, heute sind es nur 15! Schuld daran ist, wie oben schon erwähnt, die “Wettertochter” La Nina.
Die Fahrt führt immer schnurstracks geradeaus über 125 km bis zum Abzweig des Highways am Örtchen La Patria. In den anerthalb Stunden Fahrt sind mir vielleicht 8-10 Viehtransporter entgegengekommen und etwa 5 Autos – also praktisch NICHTS. In La Patria angekommen tanke ich nochmals voll, denn bis zur Grenze in gut 100 km gibt es keine “Gasolinea” mehr. Dann nimmt man die Abzweigung nach Westen (links) und fährt wieder auf endlos geraden, verkehrslosen Straßen Richtung bolivianische Grenze.
Um halb elf bin ich auch schon am paraguayischen Grenzposten. Es stehen nur ein paar LKW in Schlange, ansonsten nur ich. Das beschleunigt die Abfertigung schnell. Der Immigration Beamte ist nicht ganz so gut gelaunt, denn ich störe ihn beim Fernsehen (Fussball-WM läuft grade). Aber grade deshalb beeilt er sich, mich abzufertigen, um sich wieder wichtigeren Dingen widmen zu können. Sehen will er meinen Reisepass, meine Cedula und die Cedula Verde des Motorrads. Fünf Minuten später schaut er wieder in die Glotze und ich marschiere ein Zimmer weiter zu den Bolivianern. Der junge, in Zivil gekleidete Beamte, nimmt sich etwas mehr Zeit. Kein Wunder, er hat ja auch keinen Fernseher im Zimmer stehen. Aber auch er fertigt meine Immigration nach Bolivien rasch ab. Jetzt muß ich noch 500 Meter weiter fahren zum Zoll der Bolivier. Aber auch dort ist nichts los. Der Soldat am Zoll schickt mich zu einem Container nebenan. Noch bevor ich dort bin, geht ein Fenster auf und eine Zollbeamtin winkt mich her. Sie will alle Unterlagen zum Motorrad und meinen Reisepass, frag mich noch ein paar Dinge und tippt dann eifrig ein Formular auf dem Computer ein. Anschließend druckt sie es aus und ich muß unterschreiben. Gemeinsam marschieren wir dann zur Yamaha und suchen nach der Fahrgestellnummer. Denn die sollte mit der auf den Papieren übereinstimmen. Der ganze Zirkus dauert 15 Minuten und ich bin auch schon entlassen zur Einreise nach Bolivien. Also nichts mit stundenlangem Warten und “Tranquillo” an der Grenze – Glück gehabt! Bevor ich jedoch losfahre, verhandle ich noch mit einem älteren, fliegenden Händler über den Umtausch meiner paraguayischen Guaranis in “Bolivianos”, wie die Währung hier heißt. Ein Boliviano entspricht ungefähr 0,14 Euro/Dollar. Irgendwann habe ich mich mit dem Händler dann auf einen Kurs geeinigt und den Zollbeamten noch gefragt, ob die Scheine auch echt sind – das hat er bejahrt.
Die Fahrt führt weiter Richtung Westen, wieder schnurgeradeaus auf gutem asphaltiertem Untergrund. Nach 50 km dann die ersten Kurven, nach 60 km die ersten Hügel und nach 70 km kann man am Horizont schon die Cordilleren sehen. Das sind die Ausläufer der Anden – endlich Berge! Dann aber wird man jäh von einer Baustelle abgebremst und anschließend verwandelt sich der Asphalt in eine Schotterpiste. Also Tempo runter von 90 auf 25 Sachen. Denn auf dem Schotter fährt es sich wie auf rohen Eiern. Und gleich bei der ersten Fahrt auf unbefestigtem Untergrund will ich die Karre nicht umlegen. Aus der geplanten Ankunftszeit am frühen Nachmittag in Villo Montes wird es wohl jetzt nichts mehr. Auch muß ich immer wieder mal anhalten, dann, wenn ein entgegenkommender LKW mit 60 km/h an mir vorbeidonnert, mich mit Staub total einnebelt und auch noch mit Schottersteinen um sich wirft! Aber nach einer Stunde Geröllfahrt habe ich Glück, denn die Straße ist wieder befestigt und ne weitere Stunde später habe ich mein Tagesziel, Villa Montes, erreicht. Die Kleinstadt liegt direkt zu Füßen der Cordilleren. Die sind gefühlt einen Steinwurf, oder fünf Kilometer entfernt.
Untergekommen bin ich im tollen Eco Hotel am zentralen Kreisverkehr für 150 Bolivianos die Nacht. Das Eco Hotel ist ein mehrgeschossiger, verwinkelter Gebäudekomplex mit einem schönen Garten, einem Pool und Einrichtungen, die eher einem In- und Outdoormuseum gleichen. Also eine Art Boutique-Hotel. Jedenfalls ne tolle Unterkunft.

 

Mittwoch, 23. November 2022 - Von Villa Montes nach Tarija

Kurz überlege ich heute früh, noch zwei Stunden länger hier zu bleiben, um das WM-Spiel Deutschland gegen Japan anzuschauen. Aber erstens kommt das hier nicht im Fernsehen und zweitens habe ich eine anstrengende Tagesetappe vor mir. Und im Nachhinein bin ich ganz froh, das Spiel nicht gesehen zu haben (1:2 verloren).
Und so komme ich gegen 9 Uhr Ortszeit (1 Stunde später als Paraguay) hier weg. Wir mir Christian Magnan, der Gruppen-Admin der WhatsApp Gruppe "Bolivian Riders" mitgeteilt hat, sind etwa 50 km der gut 200 km Strecke unbefestigt. Ich hoffe, daß die gleich am Anfang kommen. Denn morgens ist man ausgeruhter und konzentrierter als am Nachmittag. Und so war es dann auch. Denn schon nach wenigen Kilometern führt eine Brücke über den Rio Pilcomayo. Und gleich danach beginnt die Staubpiste. Der Rio Pilcomayo führt ab hier viele Kilometer durch eine steile Schlucht. Und in die Hänge dieser Schlucht wurde die Straße der Routa 11 geschlagen. Glücklicherweise ist die Piste gut zu befahren. Von Geröll wie gestern keine Spur. Trotzdem ist das Befahren nicht ganz ungefährlich. Denn Leitplanken gibt es keine und die Straße fällt teils 100 Meter senkrecht ab. Vor jeder unübersichtliichen Kurve hupe ich vorsichtshalber. Viel Verkehr ist nicht. Kommt aber dann doch mal ein Auto oder LKW entgegen, wird man regelrecht eingenebelt und die Sicht ist gleich null. Also anhalten und den Staubnebel abziehen lassen. An einer Stelle ist die Piste über hunderte Meter so eng, daß immer nur ein Fahrzeug sie passieren kann. Den Verkehr regeln dort zwei Posten, die über Fahnen miteinander kommunizieren. Es waren dann doch nur 43 km Offroad-Fahrt zu bewältigen, bis wie aus dem Nichts die Fahrbahn wieder asphaltiert ist. Anderthalb Stunden hat mich das schon gekostet. Und einige Nerven, denn zwei Beinahe-Stürze waren auch darunter.
Kurz darauf erreiche ich das Örtchen Palos Blancos. Das liegt an der Kreuzung zur RN29, die nach Süden zur argentinischen Grenze führt. Ich aber fahre weiter auf der jetzt recht gut ausgebauten 11er Richtung Westen zur Stadt Tarija. Nicht ohne eine Mittagsrast gemacht zu haben und das Ergebnis des Länderspiels zu erfahren. Trotzdem muß man höllisch aufpassen, denn immer wieder mal ist die Straße so ramponiert, dass ein kurzes Stück total unbefestigt ist. Und wenn du da mit 90 Sachen reinfährst, dann gute Nacht.
Auf der Hauptstraße von Tarija stadteinwärts ist es dann passiert. Hatte ich heute Vormittag noch zwei Fast-Stürze, so kommt es an einer Kreuzung hier zum Unfall. Ich habe grün und will über die Kreuzung fahren. Auf einmal kommt von links aus einer Nebenstraße ein idiotischer Bolivianer mit seinem Kleinwagen in die Kreuzung geschossen und fährt mir direkt vors Moped. Ich kann grade noch herunterbremsen, aber den Aufprall kann ich nicht mehr verhindern. Mit dem Vorderrad fahre ich ihm in die Beifahrertüre und komme zu Fall. Sehen konnte ich den Idioten leider nicht, denn links von mir fuhr ein anderes Auto, das mir die Sicht versperrt hat, aber selbst grade noch rechtzeitig bremsen konnte. Passiert ist mir überhaupt nichts, aber ich habe Sorge um das Moped. Einer aus der Menschentraube, die sich schnell gebildet hat, hilft mir die Karre wieder aufzustellen. Polizei holen oder groß rumzudiskutieren bringt hier nichts. Die haben eh keine Versicherung und auch kein Geld. Mein schlechtes spanisch tut ein Übriges dazu. Die Yamaha lässt sich starten und sogar an die nebenliegende Tankstelle fahren. Dort stelle ich sie auf den Hauptständer und überprüfe den Schaden. Die Gabel schein intakt zu sein und auch das Vorderrad läuft rund. Erwischt hat es wohl nur den linken Außenspiegel. Der hat jetzt einige Sprünge. Und der Kupplungshebel ist leicht verbogen. Ansonsten scheint alles zu funktionieren - Glück im Unglück. Wenn das so weitergeht hier, dann ist die Karre bald Schrott und ich kann die Tour abbrechen!
Nachdem mein Puls wieder normal ist und mein Bludddruck wohl auch, fahre ich in die Innenstadt um mir einige der vorher recherchierten Hostels anzuschauen. Nach längerem Suchen wird es dann das Hostal Bolivar in der gleichnamigen Straße. Die haben zwar wie die anderen keinen "aparcamiento", also Parkplatz, aber ich kann das Moped durch die Rezeption in den Innenhof fahren. Dort ist es diebstahlsicher geparkt.
Am Abend treffe ich mich noch mit Christian Magnan von den RIDERS BOLIVIA auf ein Bier. Er gibt mir gute Tipps fürs weitere Vorankommen.

 

Donnerstag, 24. November 2022 - Tarija und bolivianische Weintour

Heute Vormittag nehme ich mir die Innenstadt von Tarija vor. Tarija hat 180000 Einwohner und ist die Hauptstadt des gleichnamigen südlichsten bolivianischen Departamentos. Von hier bis zur argentinischen Grenze sind es nur 180 km. Die Stadt liegt klimagünstig gelegen auf 1900 Metern zwischen den Cordilleren und den Anden. Durch sie führt die Routa 1. Die stellt hier einen Teil der Panamricana dar, also der Strecke von Kap Horn im Süden bis nach Alaska. Tarija wurde 1574 gegründet und entsprechend hat der Stadtkern noch viele alte Kolonialgebäude zu bieten. Die Innenstadt erinnert ein wenig an die von mexikanischen Städten. In den engen Sraßen und Gassen ist viel Betrieb und es darf nur in eine Richtung gefahren werden.
Die klimatischen Bedingungen sind optimal zum Anbau von Wein geeignet. Und der wird hier auch großflächig betrieben. Da bietet sich soch eine Halbtages-Weintour mit Viva Tours an. Für 120 Bolivaros kann man daran teilnehmen. Punkt 14 Uhr geht's los. Mit von der Partie sind ein englisches und ein bolivianisches Paar. Der Tourguide (eine Frau) spricht sogar englisch - gut für mich. Erster Stop ist am Campos de Solana, einem Weingut, etwa 10 km außerhalb der Stadt. Dort erfahren wir alles um und über den Weinanbau sowie die Kelterei. Und probieren kann man den leckeren bolivianischen Wein dann auch. Der zweite Stop ist an einer Schnapsbrennerei, die zum selben Weingut gehört. Der Blue / Red / Black / und Golden Label sind ein / zwei / drei und vier mal gebrannt. Schmeckt nicht so schlecht der Black Label, aber der Wein war mir lieber. Dritter Stop an einer Art Souvenirshop, wo man alles rund um den Wein kaufen kann. Interessant ist dann wieder der vierte Stop an einer 300 Jahre alten Weintenne, oder Heurigen, wie man in Österreich sagt. Dort "müssen" wir sehr viele Weine probieren. Die sind aber nicht mein Fall. Am fünften und letzten Stop, an einem kleineren Weinladen, wird's dann wieder interessant. Denn wir bekommen einen Schokoladenwein angeboten. In dem ist tatsächlich Kaukau beigemischt. Schmecken tut man das nicht sonders, aber man riecht es extrem am Aroma.
Vom vielen Wein gezeichnet, ist die Tour dann um 19 Uhr mit Anbruch der Nacht vorbei - mir reicht's jedenfalls für heute mit Wein!

 

Freitag, 25. November 2022 - Über den Panamericana nach Tupiza

Die heutige Etappe führt weiter Richtung Westen in die Anden. Genauer gesagt in das Provizstädtchen Tupiza. Laut Karte sind das nur 213 Kilometer. Aber man hat mir gesagt, daß da auch einiges an unbefestigten Straßen darunter ist. Also wieder früh aufstehen und packen. Nach vor dem Frühstück um halb acht wird ganz penibel die Kette der XTZ bearbeitet. Das heißt, erst wird sie mit einem Pinsel mit Dieselöl getränkt und abgepinselt sodaß der Dreck der vergangenen Tage rausläuft. Anschließend sauber getrocknet und wieder eingesprüht. Das gleiche mit dem hinteren Kettenrad. Sonst ist der Kettensatz bei den staubigen Pisten in Bolivien schon nach wenigen tausend Kilometern hinüber.
Beim Verlassen des Hostal Bolivar fahre ich wieder an der Rezeption vorbei (einziger Ausgang aus dem Innenhof). Aus der jezt um acht Uhr schon pulsierenden Stadt bin ich relativ schnell raus und finde auch wenige Kilometer außerhalb ne Tankstelle. Aber die wollen, oder besser gesagt, dürfen mir keinen Sprit verkaufen. Denn ich bin Ausländer. Und die müssen an ganz bestimmten Tankstellen zapfen. Also wieder umdrehen und zurück in das Verkehrschaos von Tarija. Hoffentlich begegne ich nicht wieder dem Idiioten von vorgestern. Irgendwann kommt dann doch ne Ausländertankstelle, die mir etwas abgeben darf. Aber meine Passnummer wird vorher registriert. UND: ich muß fast den doppelten Preis bezahlen als die Einheimischen! Kann ich jedoch verschmerzen, denn der ist immer noch wesentlich günstiger als zu Hause in "Good Cold Germany".
Die ersten hundert Kilometer führt die Fahrt auf der Routa 1 von Bolivien. Und die ist hier identisch mit der Panamericana. Toll! Jetzt kann ich endlich auch mal ein Stück darauf fahren. Der Militärposten, der Aus- und Eingangs jeder größeren Stadt in Bolivien kontrolliert, lässt mich ungeschoren durch. Was mich wundert ist, daß auf der Panamericana nicht wirklich viel Verkehr ist. Die Straße ist zweispurig und super ausgebaut. Schöne lange Kurven laden zum Cruisen ein. Hier würde ich gerne mal ne Runde mit meiner Aprilia Shiver fahren. Immer weiter führt die Fahrt bergauf. Nach ner halben Stunde muß ich anhalten und eine Pulli unterziehen, denn der Wind bläst kalt.
Anderthalb Gegen halb zwölf komme ich in San Juan del Oro an. Dort mache ich Mittag, tanke nochmals auf (ohne Ausländerbonus!) und nehme den Abzweig nach Westen. Schon bei der Einmündung wird mir klar, daß ich nicht am frühen Nachmittag in Tupiza ankommen werde. Denn die Straße ist gänzlich unbefestigt. Wenigstens liegt kein Geröll daruf, sodaß man immer mal wieder 40-50 Sachen fahren kann. Damit ist aber bald Schluß, denn es geht bergauf, immer bergauf. Bestimmt ne Stunde lang. Unzählige Kurven und Kehren, aber halt leider unbefestigt. Ganz oben angekommen bläst der Wind eiskalt. Die Höhe beträgt bestimmt mehr als 3000 Meter. Die nächsten 10 Kilometer führen an einem Gebirgskamm entlang, bevor es wieder bergab geht. Eigentlich habe ich mich schon damit abgefunden, daß die Straße bis Tupiza nicht besser wird. Aber nach 75 km Offroad mündet die Staubpiste in den Highway der die Stadt Potosi mit Tupiza verbindet. Und die ist asphaltiert! Und so kann ich den Fahrtag doch noch gemütlich ausklingen lassen, die letzten 30 Kilometer.
Mein tags zuvor gebuchtes Hostal "Butch Cassidy" finde ich auch schnell. Die Wahl viel schnell auf diese Unterkunft, denn die haben einen bewachten Parkplatz.

 

Samstag, 26. November 2022 - Wasch- und Folkloretag in Tupiza (km 3533)

Tupiza ist ein Städtchen mit etwa 25000 Einwohnern und liegt in einem Talkessel, umringt von hoch aufragenden, in der Sonne knallrot gefärbten Felsen. Die Legende besagt, daß Butch Cassidy und Sundance Kid hier in der Nähe von der bolivianischen Army zur Strecke gebracht wurden. Man kann die ominöse Stelle noch besuchen. Demzufolge heißt mein Hostel auch "Butch Cassidy".
Durch das stundenlange Offroadfahren gestern, hat sich ganz schön viel Staub und Dreck an der Yamaha und den Satteltaschen festgesetzt. Auch die Kette sieht entsprechend mitgenommen aus. Da ist dringend ne Vollwäsche nötig. Und weil ich voraussichtlich bei der mmorgigen Etappe nur asphaltierten Untergrund habe (hat man mir gesagt), fahre ich gleich um die Ecke einen Häuserblock weiter. Denn da ist ne Freiluftautowäsche. Die Jungs machen das echt perfekt. Zunächst wird der Staub mit Druckluft abgeblasen und dann die Karre richtig abgeduscht. Anschließend bis zur Unkenntlichkeit eingeschäumt und eingerieben. Dann nochmals abgeduscht und trockengeledert - sieht aus wie neu. Und kostet nur 10 Boliviaros (1.40.- Euro). Auch die Motorradhose, die Jacke und die Schuhe werden am Waschplatz hinter dem Hostel naß ausgebürstet, damit der Staub nicht ewig hängenbleibt.
Man kann hier in der Gegend auch das ein oder andere Interessante in der Natur besichtigen. Die Ziele sind aber nicht auf befestigten Straßen erreichbar. Und einstauben will ich das Moped nicht schon wieder. Also mache ich einen Stadbummel in den engen Gassen von Tupiza. Im Stadtpark komme ich grade rechtzeitig an, um eine Übungsstunde einer bolivianischen Folklore-Tanzgruppe zuzusehen. Und gleich nebenan ist ne urige Kneipe, in der natürlich die Fussball-WM läuft. Grade spielt Argentinien gegen Mexico.
Das war's auch schon an diesem erholsamen Ruhetag.

 

Sonntag, 27. November 2022 - Von Tupiza nach Uyuni (km 3748)

Wenn man den Leuten hier glauben darf, so ist die Straße von hier nach Uyuni fast komplett asphaltiert und gut ausgebaut. Das kann mir auch ein Australier im Hostel bestätigen, der gestern diese Strecke gefahren ist. Dann wäre das mal ne leichtere Etappe hier in Bolivien.  Trotzdem fahre ich um acht Uhr nach dem Frühstück gleich los. Ein paar Kilometer hinter Tupiza kommt dann tatsächlich für dje ganzen 200 km lange Strecke das einzig unbefestigte Stück - aber mit 500 Meter Länge ist das zu verschmerzen.
Nach etwa 50 Kilometern führt die Straße langsam aber konstant mit vielen langen Kurven und Kehren weiter die Anden hoch. Solange, bis ein Hochplateau von über 3000 Metern erreicht ist. Dort bläst der Wind kalt und weht immer wieder mal Sand auf den Highway. Alles um mich herum gleicht einer Mondlandschaft. Durch Ortschaften oder Ansiedlungen fährt man höchstens alle 30 km. Von leben kaum eine Spur. Mal abgesehen von streunenden Hunden oder Herden von Alpakas. Auf die wird aber immer per Straßenschild hingewiesen. Auf der Hochebenen geht es dann immer schnurgeradeaus ohne Kurven Richtung Uyuni. Die Stadt erreiche ich schon um halb zwölf Uhr mittags - das war mal ne entspannte Fahrt mit der Möglichkeit durch die Berge zu cruisen.
Auch mein gestern gebuchtes Hostal "Le Ciel d'Uyuni" finde ich schnell. Auch das habe ich wegen der Parkmöglichkeit ausgesucht. Daß aber der bewachte Parkplatz 500 Meter weit weg ist, davon stand nicht in booking!
Uyuni liegt auf einer Höhe von 3675 m am östlichen Ufer des Salzsees Salar de Uyuni. Das ist der größte Salzsee der Welt und mein morgiges Ziel. Den Nachmittag verbringe ich mit Stadtbummel und suche mir um halb drei Uhr ein Cafe. Denn heute spielt Deutschland gegen Spanien bei der WM (Endstand 1:1). Tagsüber ist es trotz der Höhe so warm, daß man locker mit kurzen Hosen und T-Shirt raus kann (Achtung Sonnenbrand), aber nachts wird es doch richtig kalt. Ich muß mir dringend noch ein Fleece-Shirt kaufen.

 

Montag, 28. November 2022 - Salar de Uyuni und der Eisenbahnfriedhof

Der Grund, warum es so viel Touristen gerade hierher nach Uyuni zieht, ist die Salar de Uyuni, die größte Salzwüste der Welt. Und genau deshalb bin auch ich hier abgestiegen. Die Salar de Uyuni liegt auf einer Höhe von 3653 m und bedeckt eine Fläche von über 12.000 Quadratkilometer. Sie war einst Teil eines prähistorischen Salzsees, der austrocknete.
Der Zugang zum Salzsee liegt 25 km nördlich von Uyuni, am Städtchen Colchani. Eintritt muß man nicht bezahlen. Das Salz ist so hartgetrocknet, daß man problemlos darauf laufen und auch fahren kann. Viele Wege führen durch die Salzwüste. Die sind jedoch alle nicht beschildert. Denn es gibt auch bewohnte  Inseln in der Wüste. Ohne Ortskenntnisse sollte man jedoch nicht zu weit reinfahren. Verirren kann man sich schnell. Denn 2008 hat das eine 13-köpfige Gruppe aus Japanern und Bolivianeren mit dem Leben bezahlt. Weiter wie 2 km wage ich mich alleine nicht hinein. Jedenfalls kann man hier echt coole Fotos schießen.
Gleich anschließend fahre ich in den Südwesten von Uyuni. Dort ist ein großer Eisenbahnfriedhof gelegen. Sehr viele alte Dampflokomotiven und Güterwägen rosten in der Wüste vor sich hin.
Da ich morgen möglichst den Sprung nach Chile schaffen will, müssen noch einige Vorbereitun
gen getroffen werden. Zum einen muß ich dringend meine übrigen Bolivanos in chilenische Peso umtauschen, damit ich an der Grenze nicht ganz ohne Geld da stehe. Außerdem muß ich noch Proviant und Wasser kaufen, falls ich die gut 200 km bis dorthin nicht schaffe und zelten muß. Die XTZ wird an der Tankstelle bis zum Anschlag aufgefüllt und zum 1. Mal auch der Ersatzkanister Denn meine Bolivian Riders sagten mir, die Strecke sei gänzlich unbefestigt - das kann ja heiter werden. Und ein Frühstück für morgen muß ich auch noch anschaffen. Denn in meinem Hostel gibt es das erst ab 8 Uhr. Und da will ich längst weg sein.

 

Dienstag, 29. November 2022 - Horrorfahrt nach Chile

5:15 Uhr stehe ich auf, springe unter die Dusche - wer weiß, wann ich das nächste Mal eine sehe - nehme mein Früstück ein und hole das Moped im 500 m entfernten Parkplatz. Für einen heißen Kakau am Bushbahnhof bleibt auch noch Zeit. Kaffee trinken die Leute hier nicht. 6:30 Uhr komme ich dann endlich weg. Gleich am großen Kreisverkehr vor der Stadt biege ich auf die Routa 5 ein. Die ist hier tatsächlich völlig unbefestigt, aber wegen des stark verdichteten Drecks gut und auch schnell zu befahren. Bis zu 70 km/h traue ich mir zu. Nach 65 km kommt der Abzweig auf die 701 Richtung Süden. Die soll ich fahren, sagte mir Christian Magnan von den Bolivian Riders. Zu meiner großen Freude ist die komplett neu asphaltiert und ich komme noch schneller voran als auf der Dreckpiste. Nach 89 km erreiche ich das Städtchen San Christobal. Hier gibt's sogar ne Tankstelle. Grund genug die verbrauchten 3 Liter nachzutanken und in einem Hotel dann doch meinen Kaffee zu trinken.
10 km hinter San Christobal ist die gut ausgebaute Strecke dann auch schon vorbei - sehr schade. Die neue Straße wird grade parallel zur alten gebaut und ab hier wird gerade die neue Trasse geschoben. Ich bin ein Jahr zu früh hier! Umso mehr, als daß sich die Straßenverhältnisse verschlechtern. Mir kommt es so vor, als hätten der Wind und der Sand einen Pakt gegen mich geschlossen. Denn der eisige Wind treibt den Sand immer wieder auf die Straße. Und auf Sand lässt es sich nicht schnell fahren. Da läuft man Gefahr, daß das Vorderrad wegrutscht. Der böige Wind seinerseits schiebt mich immer wieder mal von der guten Spur in "seinen" Sand hinein. Was mindestens genauso übel ist, sind die vielen entgegenkommenden LKW. Denn die heizen mindesten doppelt so schnell wie ich über die Piste und wirbeln Staub und Sand in Unmengen auf. Da muß ich jedesmal anhalten und warten, bis sich der Nebel wieder gelichtet hat. Das Waschen des Mopeds vor drei Tagen hätte ich mir schenken können. Ein etwa 10-15 km langer Streckenabschnitt, der weiter in die Berge führt, ist in ganz schlechtem Zustand. Dort ist der Sand bis zu 30 cm tief und öfters kann ich einen Sturz nur ganz knapp vermeiden. Ein Vorankommen ist nur im Schritttempo möglich - so komme ich heute nicht mehr nach Chile, denke ich. Zum ersten Mal habe ich Zweifel, ob dieser Südamerika Trip eine gute Idee war. Aber jetzt bin ich hier und ein zurück gibt es nicht. Noch nie zuvor bin ich mit dem Moped in einem so großen Sandkasten gefahren. Das zehrt an den Kräften und vor allem an den Nerven. Meine Pausen muß ich in immer kürzeren Abständen einlegen. Da der starke Wind meist von links kommt, wechsle ich die Fahrbanseite. Die LKW-Fahrer haben das kapiert und fahren rechts an mir vorbei. Das erspart mir das Einnebeln von Mensch und Maschine.
Der letzte größere Ort vor der 75 km entfernten Grenze heißt Alota. Dort soll es Restaurants und auch Unterkünfte geben. Es wäre meine letzte Möglichkeit, vor der Grenze nochmals in Bolivien zu übernachten. Aber tatsächlich hat das einzige Restaurant geschlossen. Wegen einer Person machen die nicht auf. Und Unterkünfte gibt es auch keine. Wenigstens am Straßenrand verkauft eine Bolivianerin frische Suppe und Fleisch mit Reis und Kartoffeln. So komme ich wenigstens noch dazu meinen entkräfteten Körper wieder zu stärken. Für die erste Hälfte der 228 km habe ich nur drei Stunden gebraucht, für die zweite Hälfte dagegen sieben!
Völlig entkräftet erreiche ich dann doch sturzlos gegen 16 Uhr die bolivianische Grenze.  Mensch und Maschine haben also doch den Kampf gegen Wind, Sand und Witterungsverhältnisse gewonnen! An der Grenze ist eigentlich gar nichts los. Im Immigrationgebäude ist niemand zu sehen. Ich könnte die Grenze also "schwarz" überqueren. Irgendwann habe ich dann doch den Aufenthaltsraum der Grenzer gefunden. Denn die machen grade alle Siesta. Aber kein Problem. Zwei fertigen mich im Handumdrehen ab und schon bin ich raus aus Bolivien.
Etwa zwei Kilometer weiter ist der chilenische Grenzposten. Wo die Grenze exakt verläuft sieht man an den Straßenverhätlnissen. Denn ab dort ist die Straße asphaltiert! Ich wusste gar nicht mehr, wie leicht sich ein Motorrad unter festem Untergrund fortbewegt!
Aber auch die Chilenen muß ich erst wecken, damit die mich abfertigen. Die nehmen die Immigration und die Zollabfertigung etwas genauer. Wie in Bolivien auch, bekomme ich ein Papier für das Fahrzeug. Das darf ich keinesfalls verlieren. Denn das wird bei der Ausreise wieder verlangt. Außerdem muß ich meine Reisetasche abmontieren und den Inhalt überprüfen lassen. Mein restliches Obst konfiszieren sie. Das darf ich nicht mit rein nehmen. Aber nach 20 Minuten bin ich auch durch diese Grenze und bin zum ersten Mal in Chile!
Der Grenzort hier heißt Ollagüe. Nur hundert Meter hinter der Schranke befindet sich eine Unterkunft. Da muß ich absteigen. Denn bis zur nächsten größeren Stadt Calama sind es 200 km. Das kann und will ich heute nicht mehr schaffen. Denn ich bin total platt von dieser Mammutetappe heute. Etwas zu Essen, eine Dusche und ein Bett - mehr brauche ich heute nicht mehr! HALT! Eines ist ganz wichtig: bevor ich mich selbst versorge, wird sich um das Moped gekümmert. Die Kette ist total eingesandet und kaum noch geschmiert. Da muß ich wieder kräftig mit Diesel abpinseln und neu einsprühen.
Von Sand, Staub und Dreck habe ich jetzt erstmal genug! Den habe ich heute ständig verflucht während der Fahrt.

 

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